Morgens um sieben ist die Welt in der Rotbuchenstrasse noch in Ordnung. Um viertel vor acht tobt täglich ein kurzer, heftiger Sturm: Fast 600 Grundschüler fallen binnen weniger Minuten über zwei Zugänge auf das Schulgelände ein. "Dagegen ist der Stachus eine Oase der Ruhe", klagt Schulleiterin Elisabeth Klar.

Sie kommen gerannt, hüpfen aus Schulbussen und kämpfen um die Abstellplätze am Fahrradständer. Im Schnitt alle zehn Sekunden fährt ein Auto vor, dem Sechs- bis Elfjährige entsteigen, die "Tschüß Mami" und "Tschüß Papi" rufen. Oft genug halten die Fahrzeuge direkt auf dem Zebrastreifen, so "dass man sich durchquetschen muss", kritisiert Viertklässler Michael. Ein ganz normaler Morgen eben – für rund
34. 000 Grundschüler in München.

Doch im Schulsprengel rund um die Rotbuchenstrasse tut sich noch etwas anderes. Zur gleichen Zeit wandern vier bis fünf Gruppen "Ameisen" aus allen Himmelsrichtungen auf die Schule zu. Wie die flinken Insekten folgen Kinder festgelegten Routen. An Sammelpunkten stoßen neue Schüler dazu. So wachsen die Häufchen auf bis zu zehn Kinder an und werden sicher von einem Elternteil auf das Schulgelände gebracht. Die Gruppen wurden nach britischem Vorbild eingeführt, heißen "Rotbuchen-Ameisen" und leben vom freiwilligen Engagement der Eltern und Lehrer.

Deutlich weniger PKW-Fahrten

Mit dem Projekt Mobikids untersuchten Verkehrsexperten erstmals in Deutschland die Effekte einer maßgeschneiderten Mobilitätsberatung. Die Ameisenzüge gehören zu einem ganzen Bündel von Aktivitäten, die gemeinsam mit Lehrern, Eltern und Schülern entwickelt wurden.

Das Ergebnis verblüffte sogar Projektleiter Alexander Kreipl, Verkehrsexperte an der Technischen Universität München: Der Anteil gefahrener Schulkinder hatte sich innerhalb eines Jahres um rund 15 Prozent verringert. Würden nur ein Viertel aller Münchener Grundschulen ähnliche Aktionen wie die Ameisen durchführen, könnten pro Jahr rund 54. 000 Pkw-Fahrten oder 74. 000 Autokilometer entfallen. Das bedeutet eine Entspannung der Verkehrslage und für die Kids schlichtweg Frühsport. "Man kann die frische Luft erwischen", begeistert sich die achtjährige Ameise Julia, und trifft damit ins Schwarze. Erstklässler schneiden bei Untersuchungen ihrer motorischen Fähigkeiten um fast zehn Prozent schlechter ab als noch vor zwölf Jahren. Als Grund nennen Experten Bewegungsmangel.

Viele Eltern bringen Ihre Kleinen trotzdem am liebsten selber mit dem Auto zur Schule, weil dies als sicherster Verkehrsweg empfunden wird. Eine trügerische Sicherheit: 35 Prozent der im Straßenverkehr verunglückten Kinder unter 15 Jahren sind Insassen von PKWs. Zudem steigt die Gefahr für die laufenden Kinder, je mehr motorisierte Schulpendler auf den Straßen unterwegs sind.

Frischluft und Bewegung für die Kids

Die Ameisen-Karawane kam vor allem bei den Erst- und Zweitklässlern an, die den Spaziergang als günstige Gelegenheit zum Tratschen nutzen. "Gleichzeitig stellten wir fest, dass Dritt- und Viertklässler viel lieber mit dem Rad zur Schule wollen", erklärt Martin Schreiner, bei MOBINET zuständig für die Projekte, die sich in erster Linie mit den Bedürfnissen und Verhaltensmustern der Verkehrsteilnehmer befassen. Alexander Kreipl empfiehlt daher, die Kinder nach holländischem Vorbild bereits in der dritten Klasse mit dem Rad fahren zu lassen – in kleinen Gruppen von fünf Kindern, nach der Schulung im Mobilitätsunterricht und auf dem Geschicklichkeits-Parcours. Bisher galt: Vor der vierten Klasse bleibt der Drahtesel zu Hause.

Projekt für die Zukunft

OB Christian Ude zeigte sich im Frühjahr begeistert von den Ergebnissen und Wilfried Blume-Beyerle vom Kreisverwaltungsreferat (KVR) – zuständig für die Schulwegsicherheit – prophezeit, dass wir "für die Kinder einen sicheren, umweltgerechten und gesünderen Schulweg finden". Im November will der Stadtrat über die Konsequenzen aus dem Versuch beraten. Das Schöne an den MOBIKIDS-Aktionen sei, so alle Beteiligten, dass sie kaum Geld kosteten. Der Erfolg hänge vom persönlichen Engagement ab. "Ich wäre schon zufrieden, wenn die Begleiter der Ameisen eine Aufwandsentschädigung erhielten – wie andere Schulwegbegleiter auch", meint Rektorin Klar. "Das würde mehr bewegen als so manche Straßenbaumaßnahme."

Mobilitätsexperte Schreiner plädiert für strukturelle Änderungen: "Alle Schulen sollten nicht nur einen Stunden- sondern auch einen Verkehrsplan entwickeln, der eine längerfristige Gestaltung der Wege erlaube". Der Weg dahin wird aber steinig: Die Verantwortung der Lehrkräfte für ihre Schützlinge endet laut Gesetz an der Grenze des Schulgeländes. Rektorin Klar denkt aus Überzeugung anders. Sie ist damit die Ausnahme.

Kontakt
Dipl.-Geogr. Martin Schreiner
Leiter Mobilitätsmanagement SSP Consult
schreiner@muc.ssp-consult.de


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