Der Geschlechterkampf wird gerne auf den Straßenverkehr übertragen. Ob Männer nun wirklich einen besseren Orientierungssinn und räumliche Vorstellungskraft besitzen, versuchen Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten herauszufinden. Sicher scheint nur: Frauen und Männer haben eine unterschiedliche räumliche Wahrnehmung.

Frauen haben einen denkbar schlechten Ruf unter Männern, was räumliches Vorstellungsvermögen angeht, vor allem im Straßenverkehr. Dementsprechende Witze kennt fast jeder. Frage: „Warum gibt es Frauenparkplätze?“ Antwort: „Damit Frauen beim Einparken nicht die Autos der Männer beschädigen.“ Ähnlich schlecht steht es mit der Reputation, wenn es um das Orientierungsvermögen auf der Straße und dem Lesen von Landkarten geht. So viel zum Ruf.

     

Nun zu den Fakten:
Frauen haben aus biologischer Sicht tatsächlich einen schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen als Männer – behaupten zumindest einige Hirnforscher und Psychologen. Es liegt an den hormonellen Unterschieden, so eine bekannte Hypothese von kanadischen Wissenschaftlerinnen. Die Ungerechtigkeit beginnt demnach schon vor der Geburt, wenn männliche Föten einem höheren Testosteronspiegel ausgesetzt sind. Dieses Hormon ist nicht nur der Männlichkeitsturbo schlechthin, es beeinflusst auch die Entwicklung der rechten Gehirnhälfte. Und dort sitzt das Zentrum, in dem räumliche Vorstellungskraft entsteht. Die deutsche Psychologin Gabriele Heister hat sogar Hinweise, dass das Gehirn von Frauen je nach Zyklusphase anders arbeitet. Je niedriger der Östrogenspiegel sei, desto eher zeigten sie den Hang zu sogenannten männlichen Fertigkeiten. Tatsächlich, bestätigten andere Tests, funktioniere das räumliche Vorstellungsvermögen von Frauen gerade in dieser Zeit am besten.

Kulturwissenschaftler dagegen glauben nicht an das Diktat der Gene und Hormone. Frauen haben nach diesem Ansatz nur weniger Übung und Selbstvertrauen. Eine Befragung durch Tübinger Wissenschaftler unter 550 Frauen brachte hervor: Sie selbst schätzten ihren Orientierungssinn wesentlich schlechter ein als er tatsächlich ist und zeigten im Alltag lediglich weniger Selbstbewusstsein (und auch ein gewisses Maß an Bequemlichkeit), überließen den Männern die Führung, trainierten ihr räumliches Vorstellungsvermögen weniger, weil sie seltener in technischen Berufen arbeiten und nicht der Wehrpflicht unterliegen. Und sie sind seltener als Autoführer auf den Straßen unterwegs als Männer. Tatsächlich sei der Orientierungssinn bei beiden Geschlechtern gleich gut ausgeprägt.
Wenig Raum für Interpretationen bietet der Blick in die Verkehrsstatistik: Angenommen, Frauen und Männer würden genauso viele Straßenkilometer pro Jahr zurücklegen, verursachten Männer immer noch mehr als 60 Prozent aller Unfälle, und zwar mit einem deutlichen Hang zu den besonders schweren. Es bleibt die Frage, was denn den Männern ihr durch das Testosteron erzeugte Orientierungssinn bringt? Recht wenig. Das Aggressionshormon sorgt offenbar vielmehr für einen unrühmlichen Platz in der Unfallstatistik.

 
 

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